Aus dem Kirchgemeinderat

Einsam?
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Immer mehr Menschen erzählen mir in letzter Zeit von Einsamkeit.

Von den 30-40 Jährigen habe ich es schon öfters gehört bei der Arbeit. Von den Ü65igern ist es schon lange bekannt und kein Tabuthema mehr. Und plötzlich steht da ein 16 jähriger Teenager, dem es genau so geht. Der nie wirklich Freundschaft erfahren durfte durch erschwerte Umstände in der Kindheit. Die 38jährige Frau, die wegen körperlichen Beschwerden ihrer damals abrupt endenden Karriere nachtrauert, und erst danach merkte, wie einsam sie eigentlich ist. Und wie schwierig es ist, mit 30 Jahren sich plötzlich ein Umfeld aufzubauen, erst recht wenn man vielleicht nicht 08/15 ist und einem „normalen“ Job nachgeht, eine andere Lebenseinstellung pflegt und diese nicht in gleichdenkenden Menschen, sondern nur in youtube Videos findet. Einige erzählten mir, dass sie eigentlich ein Umfeld und auch einen Freundeskreis haben, sich ab und an mit anderen Treffen.

Aber dann ist da diese „emotionale Einsamkeit“. Derjenige der fehlt, der da ist, wenn es schwierig wird. Der dir eine Umarmung gibt oder dir sagt „ich bin für dich da“. Dadurch, dass vieles nur noch online passiert, sagen die einen. Andere meinen, sie hätten nicht genügend Energie, sich um Freundschaften zu bemühen. Angst vor Ablehnung.

Ich denke viel darüber nach. Vor kurzem habe ich einen Artikel gelesen, da hatte eine Frau in den 30igern in Deutschland über die Sozialen Medien dazu aufgerufen, dass alle Frauen, welche sich einsam fühlen, sich für eine Wanderung treffen. Sie war überwältigt von den über 20 Teilnehmerinnen und wie viel es all diesen Frauen bedeutete, mit welch fröhlichen Gesichtern sich alle verabschiedeten. Wie schön! Hätten wir das nicht alle gerne, und vor allem würden wir das nicht alle verdienen? Jede und jeder hat doch das Recht gehört, verstanden oder in den Arm genommen zu werden. So oft wird vorschnell geurteilt oder verurteilt, sei es weil einem jemand nicht auf anhieb sympathisch ist, die Kleidung speziell ist, oder oder oder. Müssen wir denn überhaupt urteilen? Steht uns das zu? Wie wäre es denn, wenn wir uns die Geschichte des anderen zuerst mal anhören, bevor wir urteilen ob uns dieser Mensch sympathisch ist oder nicht?

Hinter jedem Gesicht steckt eine Geschichte. Also wie wäre es, wenn wir alle ein wenig offener durch die Welt gehen würden, uns mal eine Geschichte anhören? Mal spontan den ehemaligen Klassenkameraden anrufen? Einen Stift in die Finger nehmen und eine kurze Grusskarte an die Tante schicken die man lange nicht gesehen hat? Oder eben auch einen Post verfassen wie die mutige, einsame Frau aus Deutschland, und sich spontan zu einem Spaziergang verabreden? Oder ganz einfach, laden den Nachbarn auf ein Kafi ein für einen kurzen Schwatz? Dem Zugnachbar ein Lächeln schenken? Ein Lächeln ist nicht kaufbar oder auslehnbar, es entsteht nur durch einen kurzen Moment echter Zuneigung. Es ist in wenigen Sekunden verschenkt aber kann einem minutenlang Freude schenken. Denn ich bin mir sicher, physischer Kontakt kann kein „Like“ oder SMS ersetzen.

So wünsche ich euch nun viel Spass beim Verschenken und bestimmt auch empfangen von kleinen Momenten voller Freude. Es lohnt sich bestimmt!

Vanessa Wüthrich, Kirchgemeinderätin