Im Gespräch mit Emanuil Dragnev

"Brücken bauen zwischen Menschen und Gott"
20231217_emanuil-dragnev_0201-Edit_1920px-2 (Foto: E.Dragnev)

Emanuil, herzlich willkommen im Kirche32-Team! Wer bist du?
Ich bin in Bulgarien geboren und aufgewachsen und lebe seit vielen Jahren in der Schweiz. Mein Weg ins Pfarramt war nicht geradlinig. Bevor ich Theologie studierte, arbeitete ich in der Hotellerie. Diese Erfahrungen prägen mich bis heute. Ich bin überzeugt: Gott schreibt Lebensgeschichten oft anders, als wir sie selbst geplant hätten.

Was hat dich dazu bewegt, Pfarrer zu werden?
Es waren verschiedene Dinge, die zusammengekommen sind: Ein wichtiger Mensch war mein Vater, der selbst Pfarrer ist. Vor allem durch sein Leben hat er mir gezeigt, was Glaube bedeuten kann. Sein Charakter, seine Integrität und seine Bereitschaft, anderen zu dienen, haben mich stark geprägt.

Dazu kamen meine Erfahrungen in Bulgarien. Ich bin noch in der Zeit des Kommunismus aufgewachsen. Über Gott zu sprechen oder den Glauben offen zu leben war stark eingeschränkt. Trotzdem begegnete ich Menschen mit einer grossen Sehnsucht nach Gott. Ich erinnere mich an ihre hungrigen Augen – Menschen, die nach Hoffnung, Sinn und Freiheit suchten. Diese Bilder haben mich nie losgelassen.

Später, während meines Theologiestudiums, begegnete mir das Gleichnis vom Schatz im Acker. Irgendwann wurde mir klar: Dieser Schatz ist nicht nur ein biblisches Bild, sondern beschreibt auch meine eigene Berufung am besten. Ich wusste, dass dieser Weg einen Preis haben würde. Ich gab meine berufliche Laufbahn in der Hotellerie auf und nahm finanzielle und auch familiäre Veränderungen bewusst in Kauf. Rückblickend kann ich sagen: Ich habe nie bereut, diesen Schatz gesucht zu haben.

Dein Studium und Vikariat sind nun abgeschlossen – am 2. August bist du in Olten ordiniert worden, und auch die Kirchen Bern-Jura-Solothurn haben dich als Pfarrer anerkannt. Dazu herzliche Gratulation! Nochmals zurück zu deinen Wurzeln: Was bringst du aus Bulgarien mit?
Vor allem ein dienendes Herz. In Bulgarien spielt Gastfreundschaft eine grosse Rolle. Man öffnet sein Haus, teilt, was man hat, und nimmt sich Zeit füreinander. Gemeinschaft und Familie haben einen hohen Stellenwert. Diese Haltung begleitet mich bis heute. Sicher bringe ich auch eine Brückenmentalität mit: Ich kenne unterschiedliche Kulturen, verschiedene kirchliche Traditionen und habe gelernt, zwischen Welten zu leben. Das hilft mir, Menschen zusammenzubringen. Dazu gehört auch die Fähigkeit dazu, manchmal «um die Ecke» zu denken. Wer mit Veränderungen und begrenzten Möglichkeiten aufgewachsen ist, lernt oft kreativ nach Lösungen zu suchen.

Du warst vorher in der Hotellerie. Hilft dir das im Pfarramt?
Sehr! In der Hotellerie habe ich einen Satz gelernt, den ich bis heute nicht vergessen habe: «Man muss Menschen mögen.» Das gilt für mich genauso im Pfarramt. Gastfreundschaft bedeutet mehr als freundlich zu sein. Sie bedeutet, aufmerksam zu werden, Menschen willkommen zu heissen und ihnen das Gefühl zu geben: «Schön, dass du da bist!». Ich wünsche mir, dass Menschen Kirche so erleben. Ein dienendes Herz, Hände, die anpacken, und ein freundliches, dankbares Gesicht sagen manchmal mehr als viele Worte.

Wie verstehst du Kirche?
Kirche ist für mich zuerst ein Ort der Gemeinschaft. Ein Ort, an dem Menschen Gott begegnen können – manchmal ganz anders, als sie es erwarten. Die Bibel erzählt immer wieder davon, dass Gott Menschen unerkannt begegnet. Ich glaube, das geschieht auch heute. Vielleicht im Nachbarn. Vielleicht in der Kassiererin an der Supermarktkasse. Vielleicht im Fremden, der unsere Hilfe braucht. Vielleicht im Menschen, mit dem wir gerade Mühe haben.

Kirche soll ein Ort sein, an dem Begegnung möglich wird. Wo Menschen willkommen sind. Wo sie miteinander essen, reden, lachen, fragen und glauben dürfen. Nicht Verurteilung soll den Raum prägen, sondern Annahme. Denn wenn Johannes schreibt: «Gott ist Liebe», dann muss diese Liebe auch in der Art sichtbar werden, wie wir Menschen begegnen.

Im Vikariat hast du ein Gemeindeprojekt durchgeführt. Was hast du daraus gelernt?
Dass man bereit sein muss, umzudenken. Die ursprüngliche Weihnachtspäckli- Aktion zugunsten von Roma-Gemeinschaften in Bulgarien, in Zusammenarbeit mit Hotels im Raum Olten und mit Jugendlichen, geriet ganz anders als geplant. Ich bin mit bestimmten Vorstellungen gestartet, was Menschen wohl brauchen würden. Vor Ort stellte sich heraus, dass meine Annahmen nicht ganz stimmten. Das war eine wichtige Erfahrung. Ich habe gelernt, zuerst zuzuhören und Fragen zu stellen, bevor ich Lösungen anbiete. Gute Projekte beginnen nicht mit Antworten, sondern mit ehrlichem Interesse. Für mich gehört das auch zum Glauben: bereit zu sein, die eigenen Vorstellungen überprüfen zu lassen und neue Wege zu gehen.

Du beschäftigst dich auch mit digitalen Möglichkeiten. Warum?

Weil Menschen heute an ganz unterschiedlichen Orten unterwegs sind. Kirche sollte dort präsent sein, wo Menschen leben, Fragen stellen und Gemeinschaft suchen – auch im digitalen Raum. Digitale Medien ersetzen keine persönliche Begegnung. Aber sie können Brücken bauen und Menschen erreichen, die vielleicht nie zuerst ein Kirchengebäude betreten würden. Entscheidend bleibt für mich die Haltung: Menschen mit offenen Augen wahrnehmen und ihnen mit liebenden Händen begegnen.

Worauf freust du dich in der Kirche32?
Auf die Menschen. Ich freue mich auf Begegnungen im Gottesdienst, bei Hausbesuchen, an Taufen und Abdankungen, bei Sitzungen, beim Kirchenkaffee und bei den vielen Gesprächen dazwischen. Ich glaube, dass Kirche dort lebendig wird, wo Menschen miteinander unterwegs sind und gemeinsam entdecken, dass Gott ihnen oft näher ist, als sie denken.

Zum Schluss: Wer bist du, in einem Satz?
Ein Brückenbauer, zwischen Menschen und Gott - mit bulgarischen Wurzeln, einem dienenden Herzen und der Freude, Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten.